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Gertrud Höhler und der geballte Zorn der Medien

Wer ein Buch veröffentlicht, der muss durchaus auch damit rechnen, zerrissen zu werden. Autorin Gertrud Höhler ist es vergangene Woche in Berlin so ergangen. Sie stellte ihre neue Publikation "Die Patin" vor. Der geballte Zorn der Medien war ihr sicher.

Ursula Pidun

Gertrud Höhler und "Die Patin": Heiße Eisen sind dazu da, beherzt angefasst zu werden. In einer konsensgesteuerten Medienlandschaft kann das mitunter schwierig werden. Findet sich jemand, der provokante Überlegungen auf den Tisch legt, heimst er durchaus schon einmal den geballten Zorn der Medien ein.

Genau dazu ist es am vergangenen Donnerstag gekommen, als die Politikberaterin Gertrud Höhler ihr neues Buch "Die Patin" vorstellte und damit das politische Tun und Lassen von Kanzlerin Angela Merkel kritisch in den Fokus rückte. Der Titel erinnert - wohl nicht ganz unbeabsichtigt - an den US-amerikanischen Streifen von Francis Ford Coppola über den Maffia-Boss Corleone.

Mit ihrer mahnend beobachtenden Haltung und bewusst anmutenden Zuspitzung heimste sich Gertrud Höhler unverzüglich den Unmut der Presse ein. Das Bild, das die Autorin in ihrem Buch von Kanzlerin Merkel zeichnet, passt so gar nicht in den allseits medial gepflegten Lobgesang auf die laut Forbes "mächtigste Frau der Welt".

Viel Angriffsfläche für Merkel-Fans

Höhler bietet mit einer Vielzahl kritischer Statements viel Angriffsfläche für eingefleischte Merkel-Fans. Neben bekannten Thesen, wonach es der Kanzlerin vor allem um den eigenen Machterhalt gehe, ein Wertegerüst weitgehend fehle und Merkel ihre Konkurrenten unter Zuhilfenahme fragwürdiger Mittel aus dem Rennen treibe, beklagt Höhler vor allem die vermeintlich autoritäre Haltung der Kanzlerin. Auch Punkte wie etwa der Umgang mit Rechtsnormen, verfassungsrechtliche Prinzipien sowie die Zusammenarbeit mit dem Parlament stehen auf der Kritik-Agenda der Autorin.

Medien und Meinungsmache

Entsprechend harsch zeigte sich die Medienlandschaft in der vergangenen Woche und machte direkt reinen Tisch mit der aufmüpfigen Autorin. So glaubt der FOKUS an gekränkte Eitelkeiten der Autorin, ohne dies mit Fakten zu untermauern. Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL hingegen beeilt sich zu verkünden, Höhler habe Ex-Kanzler Kohl nie beraten (Frage: Was hat das mit dem Buch zu tun?). In dem Beitrag "mit reißerischem Titel" wird Höhler aberkannt, jemals Kanzlerberaterin gewesen zu sein. Die Springer Presse schließlich toppt mit der Äußerung, Höhler verunglimpfe die Regierungschefin als Zerstörerin der Demokratie. Während der Autorin "Meinungsmache" angelastet wird, überschwemmen meinungslastige Beiträge aus allen nur denkbaren Nachrichtenredaktionen die Presselandschaft.

Höhler hat eine Meinung

Höhler habe da eine Meinung heißt es. Die aber ist legitim und in gewisser Weise sogar überfällig. Kritik ist zudem nicht generell etwas Negatives. Persönlichkeiten in hochrangigen Positionen müssen sich in Demokratien Beurteilungen gefallen lassen und sich damit konstruktiv auseinandersetzen. Alles andere wäre Größenwahn. Wer sich einen Kritiker als Berater an die Seite holt, handelt klug. Unklug hingegen ist es, politische Entscheidungen medial gar nicht mehr zu hinterfragen und die Aufgabe allein in der positiven Vermarktung zu sehen. Wie hoch ist ein solcher Preis und wer zahlt ihn am Ende? Ein "Sturmgeschütz der Demokratie", wie es sich der Spiegel auf die Fahne schreibt, gibt den Journalismus gar der Lächerlichkeit preis. In einem mit dpa-Meldungen zusammengezwirbelten Beitrag kommt es zu bizarren Formulierungen im Stil einer Hedwig Courths-Mahler:

"Über Höhlers Stil und Attitüde wurde viel geschrieben, über ihre makellosen, aschgrauen Hosenanzüge, die asketische Figur, dass sie den Kuchen zum Kaffee verschmäht..."

Wer überspannt hier welchen Bogen, darf gefragt werden, wenn der kritischen Beobachterin im gleichen Atemzug vorgeworfen wird, sie schreibe die Regierungschefin in Grund und Boden und habe ein tiefergehendes Problem mit ihr?

Fakten-Check macht Sinn

Fakt ist: Merkels zweite Kanzlerinnen-Periode resultiert nicht aus überragenden Wahlergebnissen. Sie ist einer FDP zu verdanken, die anlässlich der letzten Bundestagswahl einmalig historische Zustimmungswerte erzielte und eine erneute Kanzlerschaft überhaupt erst ermöglichte. Jenseits Höhlers Kritik kann jeder Bürger einen eigenen Status erheben. Haben sich die Lebensverhältnisse der Menschen in Deutschland aber auch in Europa verbessert? Ist es zum lange überfälligen Bürokratieabbau gekommen? Werden Bürger im Sinne von Volksentscheiden auch auf Bundesebene stärker in Entscheidungsprozesse involviert? Gibt es Steuergerechtigkeit? Liegen die politischen Pläne und Weichenstellungen für die Bürger deutlich erkennbar auf dem Tisch? Konnte die Armut reduziert werden? Wie steht es um den Arbeitsmarkt (bereinigt) und sind Renten angemessen? Welchen Stellenwert hat die Demokratie?

"Demokratie lebt vom Streit, von der Diskussion um den richtigen Weg. Deshalb gehört zu ihr der Respekt vor der Meinung des anderen", äußerte Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal. Man kann Gertrud Höhler vorwerfen, was man will. Nicht aber, dass sie Anzeichen für mögliche Fehlentwicklungen nicht anspricht. Diesem Vorwurf muss sich allenfalls später einmal eine Presse stellen, die im Eifer des Zorns gerne einmal die eigenen Defizite aus den Augen verliert.

Bildquelle: Cover Archiv SPREEZ

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