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Debatte

Christian Wulff und der tiefe Fall der Medien

"Ganz oben Ganz unten" - mit diesem Buch meldete sich im Juni der im Jahr 2012 zurückgetretene Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zurück. Die Publikation ist nicht nur eine Antwort auf einen unglaublichen Medienskandal. Auch der Zerfall des Prinzips der Gewaltenteilung als ernst zu nehmende Gefahr für unsere Demokratie steht im Fokus.

BERLIN Empfehlung

Er hat sich die für ihn bisher wohl schrecklichste Zeit seines Lebens von der Seele geschrieben: Die Rede ist von Christian Wulff. In seiner Publikation "Ganz oben Ganz unten" erzählt er sachlich und schnörkellos, verständlich im Aufbau und logisch in der Abfolge seine Geschichte als hochrangiger Politiker, dessen Fehler wohl darin lag, Bundespräsident ohne Zustimmung der Medien geworden zu sein.

Der Gnade der Medien ausgeliefert?

Christian Wulff – soviel steht fest - war nicht der Wunschkandidat der Medien. Das sollte er alsbald nach seiner Wahl 2010 auch deutlich zu spüren bekommen. Auch geriet er mit seinen lange überfälligen Worten zum Islam zu Unrecht in die Kritik jener, die lieber Ängste schüren, als sachlich zu analysieren. Das Porzellan, das fortan zerschlagen wurde, lässt sich auch unter Mühen kaum zusammenkehren. Wohl jeder im Land erinnert sich an den legendären Anruf des damaligen Bundespräsidenten bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann, der einen Stein ins Rollen brachte, der am Ende nicht aufzuhalten war.

Wulff – so hieß es damals - soll versucht haben, einen von der Bildzeitung geplanten Beitrag über einen Privatkredit "zu beeinflussen". Zudem habe er dem Springer-Verlag diesbezüglich mit Strafantrag gedroht. Der Wortlaut des Telefonats lässt sich noch heute nachlesen. Es geht um Verdachtsjournalismus, der nicht zügig in einen faktisch untermauerten Realjournalismus mündete und um Wulffs vergeblichen Versuch, im Vorfeld einer geplanten und - wie wir heute wissen – deutlich schieflagigen Publikation das Schlimmste zu verhindern. Doch es kam zur Veröffentlichung inklusive massiver Vorwürfe, Wulff habe versucht, die Medien zu beeinflussen.

Geschreibsel, das ungeprüft übernommen wird

Übernommen wurde das Geschreibsel praktisch von allen Medien – weitgehend wohl ungeprüft und ohne erforderliche Nach-Recherche. "Jeder wollte den größten Stein werfen", äußerte der Journalist Hans Leyendecker und doch konnte und kann auch die Süddeutsche dem Verlauf der Berichterstattung nicht immer vorbehaltlos widerstehen. Andere Medien wühlten fortan akribisch nach "weiteren Verfehlungen" des Ex-Bundespräsidenten. Am Ende gipfelte dies in der Behauptung, Wulff habe sich für ein Geschenk eines Autohauses "erkenntlich" gezeigt. Das berühmt-berüchtigte "Bobby-Car" kam auf den Plan. Am Ende der Endlos-Geschichte ins Nirwana stand Wulff vor Gericht, wurde jedoch von allen Vorwürfen entlastet und nach endlosem Gezerre freigesprochen.

Strammes Schweigen und Schuldverschiebung

Spätestens an dieser Stelle war eine Entschuldigung jener Medien fällig, die diese Geschichte über Monate als zentralen Inhalt in ihren Journaillen fokussierten. Entschuldigungen sind wohl nichts für Feiglinge, denn aus den ansonsten so eilfertigen Redaktionsstuben kam zunächst nur eisiges Schweigen. Später hagelte es Schuldverschiebungen an die Adresse der damals ermittelnden Staatsanwälte. Deren "Kleinlichkeit und Verbissenheit vor Gericht" sowie die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens seien für den Rücktritt des Bundespräsidenten verantwortlich. Im übrigen habe Wulff nun "Genug gelitten!" hallte es aus den heiligen Hallen der Springer-Redaktion.

"Nach meinem Freispruch entschied ich mich zur Publikation. Schließlich war den großen Wochenendblättern, die bei der Jagd Sonntag für Sonntag ganz vorne mit dabei gewesen waren, das Urteil nicht eine Zeile wert,"

schreibt Christian Wulff im Vorwort seiner Publikation "Ganz oben Ganz unten".

Das stramme Schweigen der Protagonisten in der medialen Landschaft angesichts einer derartigen Fehlleistung macht die Sache noch unerträglicher. Es ergibt sich aber wohl aus der schlichten Erkenntnis, dass das Prozedere nicht entschuldbar ist. Zurück bleiben nicht nur ein über alle Maßen beschädigter Ex-Bundespräsident Christian Wulff und mulmige Gefühle, wer denn das nächste Opfer gieriger Quotensammelei wird. Zurück bleibt eine deutlich beschädigte Medienlandschaft, die auch seriös arbeitende Journalisten abstraft, die gar nicht involviert sind.

Fragwürdige Geschäftsmodelle zerstören den Ruf

Medien stecken in Zeiten des größten Umbruchs. So mancher Verlag sieht sich gar im Kern der Existenz bedroht. Der Kampf zurück ins Leben gestaltet sich mitunter auf groteske Weise. Quoten sollen es richten, koste es, was es wolle. Dann stehen auch schon einmal Ansehen und Ruf hochrangiger Politiker zur Disposition? Das krasse Beispiel des Ex-Bundespräsidenten beweist: Im Zweifel werden selbst einfachste journalistische Standards beerdigt.

Geschäftsmodelle aus der Jauchegrube der medialen Wirklichkeit können die Medienkrise allerdings nur verstärken. Zeiten, zu denen sich der Leser mit minütlich aufgefrischten Adrenalin-Kicks die Zeit vertreibt, neigen sich dem Ende zu. Stundenlange Sessions vor dem Desktop, die oft nicht mehr hergeben als boulevardesken Nonsens ohne Punkt und Komma dürften den Zenit der medialen Erwartungshaltung schon bald überschritten haben. Wer steht dann bereit für die zu erwartende Renaissance eines hochkarätigen (und hochbezahlten) Qualitätsjournalismus?

Rezension oder eilig ausgespuckte Worte?

Nur wenige Stunden nach der offiziellen Vorstellung der Publikation lieferten so manche Rezensenten der Redaktionsstuben eilig zusammengeklaubte und sich selbst beruhigende Worte zu den Zeilen des Autors. Kritische Selbstreflexion? Fehlanzeige! Wäre ihr eigenes Handeln nicht mehr wert, als ein bloßes Überfliegen der schwergewichtigen Inhalte dieser Publikation? Wer sich gründlicher mit dem Buch befasst, findet ein lesenswertes, spannendes und sachlich formuliertes Buch vor, das sich mit einer sich selbst überschätzenden und erhabenen Medienlandschaft aber auch mit eklatanten Defiziten im Justizgefüge auseinandersetzt.

"Die Art und Weise wie sich, nicht nur in meinem Fall, Medien und Justiz gegenseitig die Bälle zugespielt haben, dies bedroht das Prinzip der Gewaltenteilung. An der Schnittstelle zwischen Justiz und Presse liegt meines Erachtens eine ernst zu nehmende Gefahr für unsere Demokratie",

äußerte Wulff bereits auf der Pressekonferenz zur Buchveröffentlichung und mahnt dies in seiner Publikation besonders an. Diskutieren wir also als betroffene Gesellschaft darüber, ob wir ein solches Aufbrechen demokratischer Verhältnisse hinnehmen müssen. Das Buch bietet hierzu eine Steilvorlage und ist geprägt von Haltung und der Fähigkeit, Kritik konstruktiv und nicht etwa aggressiv zu formulieren. Dies signalisiert die erforderliche Glaubwürdigkeit – von der ersten bis zur letzten Zeile. Zurück bleiben nicht nur Betroffenheit und Anteilnahme für jenen, der eine solch tiefgreifende Katastrophe durchstehen muss, sondern auch der ausdrückliche Wunsch, die Defizite in Politik, Justiz und Medien mit Mut und Offenheit, vor allem aber mit aller Konsequenz anzugehen.

Verlag: C.H.Beck; Auflage: 2 (20. Juni 2014)
Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3406672000
ISBN-13: 978-3406672002

Preis: 19,95 Euro
 

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